Die klassische Literatur bleibt heute bei Jung und Alt, insbesondere aber bei der Jugend,
zunehmend unverstanden oder stößt auf wenig Interesse.
Ja, man kann nicht einmal mehr definieren, was ein Klassiker ist,
oder warum ein Klassiker ein Klassiker ist. Der allgemeine Missbrauch des Begriffes tut ein Übriges.
Oft liegt der Rettungsversuch beim aktuellen Umgang mit den Stoffen der Weltliteratur in der
Vereinfachung der Oberfläche, in der flachen Modernisierung der Lesart oder in der
gewaltsamen Anpassung der Stoffe an die unmittelbare Gegenwart.
Es ist vergessen oder unverstanden, dass Kunst eine gleichnishafte Parallelwelt eröffnet,
die nur in ihrer Übertragung von Wirklichkeit in Modelle und deren Entschlüsselung verstanden werden kann.
Ähnlich wie in den Märchen, die von alters her zum Kulturgut jedes Volkes gehören und als ewig wahre menschliche
und eben nicht historisch bedingte Geschichten erlebt werden, ist die Urkraft menschlicher Schicksalsbeschreibung
in den Stoffen der Klassiker.
Ähnlich wie die Märchen wirken auch die Geschichten der Klassiker im Unbewussten, gleichsam wie Musik,
die uns im Innersten anspricht und eine Resonanz entfaltet, ohne dass es eines Verständnisses des Notenmaterials bedarf.
Es sind die Urthemen, die Urbilder, die uns im Unbewussten erreichen: Geburt und Tod, Liebe und Hass, Diesseits und Jenseits, Glaube und Hoffnung... Und es sind die Urgeschichten, die Urmythen, die davon erzählen: Adam trifft Eva, Kain erschlägt Abel, die Heimkehr des verlorenen Sohnes...Im Mythos enthüllt sich das unentrinnbare Wirken des Schicksals und führt uns die Endlichkeit und die Begrenztheit, aber auch die Bedeutsamkeit und die Bestimmtheit unseres Seins vor Augen.
Was hier im Unbewussten wirkt, gilt es bewusst zu machen.
Jedoch ist die Bild- und Mythensprache der Klassiker und ihre sprachliche Metaphorik so vielfältig, dass wir mit unserer heutigen Bildung, die auf eine Ertüchtigung zum Markt und nicht auf eine Ertüchtigung zum Leben im weitesten, reichsten Sinne zielt, dieser Fülle geistig nicht mehr gewachsen sind. Hier kollidieren die Tiefe und der Reichtum im Denken und Fühlen der Klassiker, ihr komplexes Weltverständnis und ihre mythischen Wahrheitsmodelle mit der Schnelllebigkeit und der geistigen Flachheit der Gegenwart.
So ist denn in Verkennung der wirklichen Situation häufig von der Notwendigkeit der Pflege der Klassiker die Rede, wo es in Wahrheit um die dringend notwendige Pflege unseres Geistes gehen müsste.
Wir möchten die ursprüngliche Qualität des klassischen Denkens wieder beleben, fördern oder bekräftigen. Ziel ist es, durch Konzentration Transparenz zu schaffen und in den Kern der Geschichten zu schauen.
Nur der bewusste Umgang und die kenntnisreiche Entschlüsselung der Klassiker kann dieses Kulturgut bewahren.