Shakespeares HAMLET ist nicht nur eine spannende Geschichte von einem Menschen, der aufsteht, der Welt den Spiegel vorzuhalten und sich gegen eine Macht zu wehren, die ihm seine Lebensmöglichkeiten raubt. HAMLET ist ein Modell: sowohl die Geschichte ist exemplarisch als auch ihre handelnden Figuren. Archetypen, wie sie die Welt immer wieder und zu allen Zeiten hervorgebracht hat und hervorbringt.
Der König und die KöniginDas Stück beginnt mit einem Brudermord, das Kain-und-Abel-Motiv der Bibel löst die Handlung aus: den Krieg um die Macht. König Claudius ist der Archetyp des unumschränkten, patriarchalen Herrschers, der um seine zum Himmel stinkende Tat weiß - den Mord am alten König, seinem Bruder - und dennoch seine Ich-Schwäche nur mit absoluter Macht über andere füllen kann. Das Ego des Königs beansprucht den ganzen Lebensraum der Gesellschaft und nährt sich von Lüge, Zynismus, Drohung, Verführung und Mord, immer wieder Mord, um die eigene Angst vor dem politischen Fall zu verbergen, der ihm zeigen würde, was er ist: ein einsamer, kleiner, verzagter, angepasster Mensch wie alle anderen, verletzlich, zerbrechlich, vergänglich: sich im Tode auflösend in die große Einheit, die Natur, den Kosmos.
Die Königin steht für die vom Patriarchen vollständig abhängige Frau. Sie muss sich ihm unterwerfen, in allem zu Willen sein, gegen den eigenen inneren Ekel vor sich selbst und ihrer Schwäche Glück heucheln. Der eigene Wille ist gelähmt, die politische Vernunft regiert ihr Leben. Auch kann sie nur in der Unterwerfung hoffen, ihren Sohn zu schützen, der als Thronfolger eine vage politische Hoffnung für sie bedeutet - falls er überlebt. Für eine Erkenntnis ihrer Lage und Schritte zur Befreiung reichen die Kräfte nicht. Die Muster der schwachen, schuldigen Frau, die als Gegenleistung für ihr verdorbenes Leben die Teilhabe an der Macht des Mannes, den sie hasst - schließlich ist er der Mörder ihres geliebten Gatten - akzepiert, sind zu stark und unreflektiert, so dass sie am Ende sogar den beabsichtigten Mord an ihrem Sohn Hamlet während seiner England-Reise mitträgt. Die Königin repräsentiert das Frauenbild des Mannes, erfüllt alle an sie gerichteten Erwartungen, hat aber sich selbst völlig verloren. Gesetzmäßig tötet sie sich selbst, wenn ihr Sohn am Ende des Stückes tödlich verwundet ist und ihr Handeln damit jede Rechtfertigung verliert.
Der HofstaatPolonius, der Berater des Königs, ist der Vertreter der zweiten Machtebene, der Dienende, dessen moralische Ausrichtung ausschließlich dem Machterhalt und dem Vorteil des jeweiligen Herrschers dient; war doch Polonius auch schon Minister unter dem ermordeten König, Hamlets Vater.
Auch seine Tochter Ophelia wird je nach politischer Lage und Notwendigkeit entweder gezüchtigt oder benutzt. Sie ist Eigentum und Verhandlungsmasse, lieblicher Köder und Hassobjekt des Vaters. Ophelia selbst steht für das junge, naive, dem Leben und der Liebe zugewandte Mädchen mit allen Mädchen-Träumen. Ihre kritische Reflexion ihrer eigenen Lage und Zukunft beginnt erst mit Hamlets Abspaltung von ihr und seinem Verweis auf das Leben seiner Mutter. Als Ophelia begreift was geschehen ist und dass Hamlet in England getötet werden soll, sendet sie mit ihrem scheinbaren Wahnsinn dem König und der Königin eine Botschaft ihres Wissen und bricht so mit der Macht, an der sie bis dahin unreflektiert und geschützt teilhatte. Sie stürzt sie sich in den Fluss, um sich der unvermeidlichen Versklavung als Frau zu entziehen.
Seinen Sohn Laertes lässt Polonius im Ausland ausbilden. Er ist für Polonius wie eine Waffe, die man hinter dem Rücken des
Königs schärft und die für den König eine latente Drohung bedeutet, dass man auch zur Macht bereit ist. So sind König und
Minister in den gleichen Gesetzen der Macht gefangen, verbündet und verfeindet zugleich, abhängig in jedem Fall.
Stabil ist eine solche Beziehung nur, wenn die Macht stabil ist. Gerät das Kartenhaus der Macht ins Wanken,
lebt sich’s auf der zweiten politischen Ebene gefährlich. Polonius muss höchsten Diensteifer beweisen, der ihm das Leben kostet.
Rosencrantz und Guildenstern sind wesenlose, angepasste, zu jedem Verrat bereite Höflinge. Die Gier nach der Teilhabe an der Macht und ihre Angst, dieses Spiel zu verlieren, sind ihre einzigen Antriebskräfte. Modellhafte Spitzel und Zuträger: zwei Figuren, Archetypen, die bisweilen auch ein ganzes Volk bedeuten können.
Horatio, der einzige wirkliche Freund Hamlets, ist gleichmütig wie die Zeit selbst. Er ist auffallend unprofiliert am Hof, kaum beteiligt an den Ereignissen. Er will nichts wissen und er tut nichts. Er scheint über den Dingen zu stehen. Er ist der Chronist.
Die Figur des HamletHamlet ist zu Beginn der Geschichte auf dem Zenit seiner Jugend: Prinz, Thronfolger, Volksliebling, Geliebter der Ophelia,
Stolz der Mutter, Freigeist, Intellektueller – erfährt er in Wittenberg, seiner Studienstadt, vom plötzlichen und unerwarteten
Tod seines geliebten Vaters, des Königs. Zurück in Dänemark muss er nach der Beerdigung des Vaters die Hochzeit seiner Mutter
mit seinem Onkel, dem Bruder seines Vaters und neuem König, miterleben. Er hat zwar scheinbar noch den Anspruch auf die
Thronfolge, aber er hat die persönliche Beziehung zur absoluten Macht und allen Einfluss auf sie verloren. Und er darf Dänemark
nicht mehr verlassen. Ein Schicksalsschlag, der ihn von einem Tag auf den Anderen vom Hoffnungsträger zum Gefangenen macht und
ihn auf sein innerstes Allein-Sein zurückwirft, zumal er die Beteiligung seiner Mutter an den politischen Vorgängen nicht
begreifen kann. Sein Leben hat allen bisherigen Sinn verloren. Er verurteilt sich zum Schweigen und zur Untätigkeit. Doch die
Ereignisses gehen weiter. Hamlet erfährt vom Geist seines Vaters die Wahrheit: Sein Vater ist ermordet worden. Der Mörder ist
der Onkel. Hamlet soll den Mord rächen.
Nun stürzt er in nie geahnte Abgründe. Er bricht mit allem, was er einmal war, was ihn
an sein vergangenes Leben bindet. Alle Werte stürzen, sein Denken und Fühlen revoltieren, er erwacht zu einem neuen Bewusstsein.
Er wird frei von allen Ängsten, frei zur Wahrhaftigkeit, frei zur Tat. Er steht auf. Er nimmt den Auftrag, den Mord zu rächen,
an, wissend, daß er dabei sterben wird. Er begreift die höhere Macht des Schicksals, das ihn führt. Und er wird somit frei dazu,
den Tod als notwendigen Teil des Lebens anzunehmen. Er kann allen den Spiegel vor die politischen Fratzen und seelischen
Verkümmerungen halten, die er erst jetzt selbst erkennen kann.
Er wird den Auftrag auf einer höheren Ebene ausführen, denn durch den einfachen Rache-Mord am Onkel wäre Hamlet nur ein weiterer Claudius. Er wird den Hof insgesamt „abräumen”, den üblichen Machtspielen ein Ende bereiten, den Kreislauf von Macht und Gewalt unterbrechen: erst als er selbst tödlich verwundet ist, tötet er den König.
So setzt er ein Zeichen durch seine Geschichte für die Herausbildung eines höheren Bewusstseins der Menschheit, eines Bewusstseins, das die Abspaltung des Egos vom Ganzen, seine Trennung vom Mitmenschen und von der Natur überwindet und von der Einheit alles Lebens ausgeht.
Hamlet zögert nicht, er genießt das Spiel der Abrechnung mit der Macht bis zu dem Punkt, den das Schicksal ihm unausweichlich
in die Sterne geschrieben hat, seinem Tod.
Horatio soll seine Geschichte aller Welt weitererzählen: Die unendliche Geschichte von Macht und Unterwerfung, von Krieg
und Rache, Leid und Strafe, von Selbstsucht und Selbsterniedrigung, kurz, von der Herrschaft des Unbewussten, des menschlichen
Egoismus, der alle Liebe und Würde tötet und letztlich an sich selbst zugrunde geht.
Im Großen wie im Kleinen.
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